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Julias Leben auf der Straße mit Anfang 20

Ich möchte mich kurz vorstellen: mein Name ist Julia, ich bin jetzt 22 Jahre alt und habe mehrere Monate in Paderborn und hier in Osnabrück auf der Straße gelebt. Das war für mich eine sehr schlimme Zeit. Gern möchte ich erzählen, wie es dazu gekommen ist und wie ich den Weg von der Straße geschafft habe. Inzwischen bin ich nämlich glückliche Mieterin einer Wohnung.
Beginnen möchte ich mit meiner Kindheit, die ich insgesamt als sehr schwierig beschreiben würde. Mit zehn Jahren bin ich mit meinen Eltern aus England nach Osnabrück gezogen, weil mein Vater bei der britischen Armee stationiert war. Wir Kinder gingen hier auf die englische Derby School. Als mein Vater den Militärdienst verließ, mussten wir auch die englische Schule verlassen und dafür auf eine deutsche Schule gehen. Das sollte sich als sehr problematisch herausstellen, weil  ich eigentlich nur englischsprachig aufgewachsen bin. Mein Vater ist Engländer und spricht eigentlich überhaupt kein Deutsch. Auch versteht er vieles einfach nicht. Für ihn ist seine Arbeit wichtig, und er arbeitet wirklich viel. In meiner Kindheit und Jugend hat er mich, meine Brüder und auch meine Mutter viel geschlagen. Meiner Mutter kann ich zwar nicht völlig absprechen, dass sie sich Mühe gegeben hat, mit uns Deutsch zu sprechen, aber mit wenig Erfolg. So richtig wollten wir es selbst aber auch nicht. Als wir dann auf die deutsche Schule kamen, war das für uns echt total bescheuert. Wir konnten die Sprache nicht, und weil sich das auch nicht entscheidend änderte, mussten wir nach einem Jahr auf eine Sonderschule gehen. Eine wirkliche Förderung haben wir dort – und auch von meinen Eltern – nicht erlebt. Ich muss leider sagen, dass mir mein Sonderschulabschluss gar nichts bringt.
Richtig problematisch – gerade auch im Hinblick auf meine Wohnungslosigkeit – wurde es dann, als ich gerade zwanzig geworden war. Ich lebte noch bei meinen Eltern und hatte am Rande mitbekommen, dass sie Schwierigkeiten mit unserer gemeinsamen Wohnung hatten. Ich muss dazu sagen, dass meine Mutter Alkoholikerin ist, und mein Vater das bis zum heutigen Datum nicht wirklich wahrhaben will. Das war für die weitere Entwicklung sicher mit entscheidend.
Ich hatte zu der Zeit einen Freund in Paderborn und übernachtete dort einige Zeit. Aus einem komischen Gefühl heraus hatte ich mehr Sachen zu ihm mitgenommen als ich eigentlich für die geplante Zeit benötigen würde. Und tatsächlich: meine Mutter rief mich nach ein paar Tagen an und erzählte, dass sie aus der Wohnung geflogen wären, weil sie keine Miete mehr gezahlt hatten, und dass auch wohl schon seit mehreren Jahren! So hatten sich über die Zeit natürlich eine Menge Mietschulden angehäuft. Auf meine Frage, was ich denn nun machen sollte, sagte sie nur, ich solle bei meinem Freund bleiben oder für eine Zeit ins Hotel gehen.
Mit meinem Freund kriselte es mächtig und unsere Beziehung ging dem Ende entgegen. Deswegen zog ich tatsächlich für eine Zeit in ein Hotel. Da das auf die Dauer natürlich extrem teuer wurde, entschloss ich mich, zu meinem größeren Bruder zu ziehen, wo meine Eltern ebenfalls einquartiert waren. Die Wohnung war für uns alle viel zu klein und meinem Bruder und seiner Frau, die zu dem Zeitpunkt auch noch schwanger war, wurde es verständlicherweise auch zu viel mit uns. Deswegen verließ ich die Wohnung nach zweieinhalb Wochen, ohne zu wissen, wohin ich denn jetzt gehen sollte. Ich ging zunächst nach Paderborn, weil mich dort außer meinem Ex-Freund niemand kannte, und schlief dort das erste Mal für etwa zwei Wochen auf der Straße: entweder unter Brücken oder in irgendwelchen Feldern. Eine Bekannte, zu der ich noch Kontakt hatte, bekam das mit und bot mir an, zu ihr nach Emsdetten zu ziehen. Drei Wochen blieb ich dort, dann musste ich nach Osnabrück, um meine Leistungen vom Jobcenter weiter beziehen zu können. Dafür musste ich nämlich in Osnabrück gemeldet sein und mich hier aufhalten.


Meine Eltern waren inzwischen auch nicht mehr bei meinem Bruder, sondern in einer Notunterkunft in Osnabrück, und ich sprach mit meiner Mutter, ob ich nicht auch bei ihnen unterkommen könnte. Sie war einverstanden, allerdings stellte sie die Bedingung, dass das geheim bleiben müsste, weil meine Eltern beim Amt nicht angegeben hatten, dass sie noch Kinder haben, die ebenfalls obdachlos geworden sind. Mein anderer Bruder war mittlerweile aus dem Gefängnis entlassen und wohnte ebenfalls – ohne dass es jemand wusste – dort. Es war wieder mal viel zu eng für uns alle, und ich konnte nichts anderes tun, als auch diese Unterkunft zu verlassen.
Ab da war ich fast acht Monate wohnungslos in Osnabrück, schlief mal hier und mal dort, bei Freunden, zwischendurch auch mal bei meinen Eltern, aber in der Hauptsache auf der Straße.


Mein Hab und Gut hatte ich immer dabei, mal nahm ich die nächste Brücke, um dort auszuruhen, manchmal versteckte ich mich in einem Feld. Auf jeden Fall immer dort, wo mich niemand sehen konnte. Da ich immer sehr viel Angst hatte, war oft an Schlaf nicht zu denken. Mir war oft kalt, auch wenn es draußen sehr warm war. Meist habe ich aus Angst gefroren. Ich hatte Hunger, und verlor in der Zeit auch viel Gewicht. Das war eine sehr schwere Zeit für mich. Selbst meine Eltern wussten nicht wirklich, wie meine Situation tatsächlich war. Sie glaubten immer, dass ich bei Freunden untergekommen war. Um an Geld zu kommen, habe ich am Wochenende gearbeitet. Ich hatte das Glück, nebenbei in einer Diskothek arbeiten zu können, und da kamen immer so 200-300 Euro pro Monat bei rum. Ich würde jetzt nicht unbedingt sagen, dass die Situation auf der Straße für mich schwerer war, nur weil ich eine Frau bin. Ich halte das Leben auf der Straße generell für extrem gefährlich. Während meiner Zeit „auf  der Platte“ habe ich mich von den bekannten Treffpunkten wohnungsloser Menschen immer fern gehalten. Ich habe mir immer die Plätze gesucht, wo ich allein und einigermaßen geschützt war. Ich kenne mich eigentlich sehr gut in Osnabrück aus und weiß ungefähr, wo sich Wohnungslose aufhalten. Ich bin immer in eine andere Richtung gelaufen und hatte auch gar keinen Kontakt zu den anderen Wohnungslosen.
Meine Situation änderte sich erst nach einem Gespräch beim Jobcenter. Meiner Sachbearbeiterin hatte ich erzählt, dass ich wohnungsmäßig in einer schwierigen Situation stecken würde. Allein hatte ich unendlich viele Vorstellungsgespräche geführt: Alle jedoch ohne Erfolg. So schrieb sie mir einen Gutschein für einen sogenannten „Wohnungscoach“ aus. Diesen habe ich in der Fachberatungsstelle für wohnungslose Menschen in der Bramscher Straße 11 eingelöst. Ich stellte  mich dort Frau Michallik vor, und das war für mich der Wendepunkt. Sie ist mein Engel! Sie hat mir so sehr geholfen, das ist der Wahnsinn, und sie tut es immer noch.
Nach einigen Gesprächen berichtete mir Frau Michallik, dass sie ein Angebot für eine Wohnung in Osnabrück habe und dass sie mich gerne dorthin vermitteln würde. Die Vermieterin war zwar nicht so überzeugt, sagte beim Vorstellungsgespräch aber, dass jeder eine Chance verdient habe. Nach einigem Hin und Her und bangen Tagen, dass es mit dem Mietvertrag doch nicht klappen könnte, durfte ich dann doch den Mietvertrag unterschreiben und hatte nach einiger Zeit das erste Mal meine eigenen Wohnungsschlüssel in der Hand. Das war ein unheimlich tolles Gefühl und ich bin so dankbar, dass ich jetzt eine eigene Wohnung habe.
In meiner Zeit auf der Straße hatte ich sehr oft den Gedanken, mich einfach umzubringen. Ich wollte nicht mehr da sein. Weil ich einfach keinen Ausweg mehr gesehen habe. Ich habe zwar immer sehr positiv gedacht, aber irgendwann habe ich mir gedacht, was soll ich denn noch hier. Ich hatte sehr viel Angst vor dem Alleinsein. Das hat mich sehr fertig gemacht. Das macht mich jetzt auch noch sehr fertig, wenn ich alleine in einer Wohnung bin. Ich bekomme Angst, ich denke immer, es ist noch jemand mit in der Wohnung, oder dass jemand hinter mir steht. Auch wenn ich z.B. im Badezimmer bin, muss ich immer die Tür abschließen, ich bekomme Angst, wenn ich die Treppen zur Wohnung hoch laufe. Auch wenn jemand an der Tür klopft, kriege ich panische Angst. Das hatte ich vorher nicht. Ich bin jetzt also, obwohl ich nun in einer Wohnung lebe, immer noch in der Habachtstellung, ob jemand kommt.
Trotzdem bin ich natürlich überglücklich unter meiner eigenen Decke und nicht in einem Schlafsack schlafen zu können. In meinem eigenen Bett schlafen zu können, ist ein Gefühl von Luxus für mich.
Ich muss ehrlich sagen, ich habe in meinem Leben noch nie richtig Glück gehabt. Ich bin immer wieder hingefallen. Meine Eltern haben sich nie viel Mühe mit uns Kindern gegeben. Mir hat noch nie jemand geholfen, außer das Jobcenter und Frau Michallik.
Aber ich will nicht aufgeben und mich unterkriegen lassen. Dafür  bin ich noch viel zu jung und hoffe noch auf etwas mehr Glück in meinem Leben. Ich will jetzt eine Ausbildung in der Gastronomie machen, weil ich da am meisten Erfahrung habe und hoffe, dass ich in naher Zukunft einen Ausbildungsplatz in dem Bereich finden werde. Vielleicht hat ja jemand eine Idee und meldet sich in der Redaktion? Ich würde mich freuen!

Quelle:
Abseits
Ausgabe 6/2013

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